Ich war 6-7 Jahre alt. An einem Sommerabend, so gegen Sonnenuntergang, ließen meine Eltern meinen kleinen Bruder Piruz in meiner Obhut und gingen weg. Ich erinnere mich nicht mehr, wohin. Piruz schlief bald ein. Ich spielte ein bisschen, aber nach einer Weile fing ich an, mich zu langweilen. Das heißt, eigentlich langweilte ich mich nicht, sondern überlegte, wie ich die Abwesenheit meiner Eltern ausnutzen könnte. Mir fiel nichts Verbotenes ein, was ich hätte tun können. Ich ging raus in den Hof. Wir hatten einen kleinen Garten, mit einem kleinen Wasserteich aus Keramik in Form einer blauen Blume, einigen Obstbäumen und ein paar Blumensträucher. Ganz, ganz hinten im Garten, in der aller hintersten Ecke, stand auch ein Apfelbaum, der aus unerklärlichen Gründen geschwärzt und vertrocknet war, als ob er verbrannt wäre. Sogar die meisten Zweige waren verdörrt und abgefallen, geschweige denn Blätter und Knospen. Aber erstaunlicherweise hing ganz oben, an der Spitze des höchsten Zweigs, ein einzelner Apfel.
Pantea, die tapfere Prinzessin, steigt von ihrem goldhufigem Pferd und nimmt seine Zügel. Vorsichtig betritt sie den dunklen, verzauberten Wald. Der Mondschein hat keine Chance gegen die tiefe Schwärze des Waldes. Zwischen den Bäumen ist es voll von schemenhaften Schatten und leisen Geflüster. Manchmal verwandeln sich die Baumzweige hinter der Prinzessin in Hände und schnappen nach ihrem goldenen Umhang, aber sobald sie sich umdreht, verwandeln sie sich zurück in leblose Zweige. Prinzessin Pantea hat kein bisschen Angst. Die alte Hexe hat ihr verraten, dass der Schlüssel zum Rätsel und der Aufhebung des Fluches, der auf dem Prinz liegt, hier im Wald zu finden ist. Mitten im Wald erreicht sie eine Lichtung mit einem kleinen See. Sie lässt ihr Pferd trinken und macht eine Pause. Plötzlich scheut ihr Pferd und steigt auf seine Hinterbeine. Pantea nimmt seine Zügel und versucht, es zu beruhigen, aber dann sieht sie eine große, zischende Schlange auf dem Boden. Sie tötet die Schlange mit ihrem Schwert, dann streichelt sie ihr Pferd und bedankt sich für die rettende Warnung.
Sie machen sich wieder auf den Weg, der jeden Moment enger und schwärzer wird, als ob die Bäume näher zusammenrücken würden, um sich ihnen in den Weg zu stellen. Nach einer Weile zieht Pantea ihr Schwert, bleibt unbeweglich stehen und starrt in die Dunkelheit, weil sie hört, wie das Unterholz unter schweren Schritten knistert. Die Zweige werden zur Seite geschoben und ein großer, furchterregender Werwolf erscheint, der seine langen, gelben Zähne fletscht: Ha ha ha… Hier bist du also!
Pantea wirft sich zur Seite, um den Angriff des Werwolfes zu entgehen. Noch bevor der Werwolf sich nach seinem Sprung umdreht und einen neuen Angriff startet, stießt sie ihr Schwert bis zum Knauf in seine Seite. Der Werwolf heult so laut auf, dass das leise Geflüster im Wald verstummt und die Blätter der Bäume zittern. Pantea verliert keine Zeit und enthauptet den Werwolf mit einem Schwerthieb.
Es ist überall Still. Pantea steht außer Atem auf und geht zu ihrem Pferd, das etwas weiter weg steht. Mit einem Zipfel ihres Rockes säubert sie ihr Schwert vom Blut und schiebt es zurück in die Schwertscheide. Dann nimmt sie die Zügel des Pferdes und geht los. Es sieht so aus, als ob die Bäume sie nicht mehr aufhalten wollen, als ob der Fluch des Waldes mit dem Sieg über den Werwolf gebrochen und der Pfad nicht mehr so beschwerlich ist. Pantea und ihr goldhufiges Pferd erreichen nach einem langen Weg endlich jenen einzelnen schwarzen Baum, an dessen oberste Zweig der Zauberapfel hängt.
Prinzessin Pantea bindet ihr Pferd an einem Baum und nährt sich dem schwarzen Baum. Sie kann den Apfel nicht erreichen, sie muss hochklettern. Sie nimmt ihren langen rock hoch und setzt ihren Fuß auf eine Krümmung des Stammes. Die kurzen, verbrannten Zweige des Baumes zittern. Eine kalte Brise weht. Pantea greift nach einem dickeren Zweig und zieht sich hoch. Sie streckt ihre Hand aus. Sie nährt sich dem Apfel…
Plötzlich erhellt ein Lichtstrahl den Wald. Ein lautes Gebrüll lässt sie zittern: Pantea… Wo bist du?
Wie es aussieht, ist der Zauber des Waldes noch ungebrochen. Ihre Hand, die sie am Zweig festhält, zittert. In dieser Position kann sie sich nicht verteidigen. Ihre freie Hand umschließt den Apfel und pflückt ihn. Sie versucht, schnell vom Baum herunterzukommen, aber unversehens verliert sie das Gleichgewicht und rutscht hinunter. Der trockene, raue Stamm des Baumes reißt die Haut ihres Oberschenkels auf. Ein schmerzhaftes Brennen verbreitet sich in ihrem Bein und sie spürt eine warme Flüssigkeit, die von der Wunde hinunterfließt. Lautlos verflucht sie alle langen, prinzessinenhaften Röcke und gelobt, das nächste Mal in Jeans auf abenteuerlichen Reisen zu gehen. Sie presst ihre Finger fest um den Apfel, nimmt ihr Pferd an der Hand und hinkt den Weg zurück.
- Hallo.
- Was machst du um diese Zeit draußen?
- Nichts.
Prinzessin Pantea erträgt die Schmerzen heldenhaft, ohne mit der Wimper zu zucken.
- Wo ist Piruz?
- Er schläft.
- Komm rein. Warum hast du dich umgezogen? Wer hat dir erlaubt, meinen Rock anzuziehen?
- Entschuldigung. Ich hab gespielt.
- Wehe, du vergreifst dich noch mal an meinen Sachen! Geh in dein Zimmer und zieh dich um!
Der Prinz schläft noch immer in seinem Palast den verwunschenen Schlaf. Prinzessin Pantea hält den Zauberapfel unter seine Nase. Sobald der Prinz dessen Duft einatmet, wacht er auf und schaut in ihre Augen. Er sagt mit einem Lächeln: Dann hast du es also geschafft, mich zu retten…
Prinzessin Pantea erwidert sein Lächeln. Der Prinz sieht das Blut, das am Bein der Prinzessin hinunterrinnt: Du bist verletzt!
Die Prinzessin lächelt tapfer: Nein, mach dir keine Sorgen, es ist nur ein Kratzer…
Der Prinz springt auf und verbindet die tiefe, tödliche Wunde mit einem Stoffstreifen. Dann hält er Pantea den Zauberapfel vor dem Mund: Wenn du von diesem Apfel isst, verheilt die Wunde!
Pantea beißt ein kleines Stück vom Apfel ab.
Igitt! Der ist ja noch total sauer!
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